ULRICH HAUG REAKTIONEN




Klangräume

Vor mehr als 100 Jahren behauptete der geniale englische Essayist, Walter Pater, daß sämtliche Künste nach dem universellen Rang der Musik streben. Eine derartige Sehnsucht wird sogar in der Sprache der Kunstbetrachtung deutlich: Rhythmus und Komposition, Harmonie und Leitmotiv haben einen festen Platz in Rezensionen, vor allem in Analysen der Malerei. Oft unterstreicht der bildende Künstler selbst diese Synästhesie, wenn nur durch die Titeln seiner Arbeiten. Und die Vertonung von Kunstwerken - wie z.B. in Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" (1874) oder Walter Steffens' "Guernica" (1976-1978) - verstärkt die Gemeinsemkeiten. In dem experimentierfreudigen Geist der Moderne haben viele Musiker, Maler und Bildhauer versucht, den Dialog zwischen Sehen und Hören zu fördern. Ihre Leistungen wurden 1985 in der beinahe legendären Ausstellung "Vom Klang der Bilder" in der Stuttgarter Staatsgalerie dokumentiert.

Mit dem Titel "Klangräume" huldigt die jetzige Ausstellung von Ulrich Haug den kunsthistorischen Vorläufer, nimmt aber auch Bezug auf die Kirche selbst als traditionellen Ort für Kunst und Musik. Der Dialog zwischen Haugs Wachsbilder und der spätgothischen Stiftkirche in Bad Canstatt ist vielschichtig. Heute bietet das 1471 eingeweite Gotteshaus einen imposanten Rahmen für Ausstellungen und für die renommierte Konzertreihe "Musik am 13." unter der Leitung von Bezirkskantor Jörg-Hannes Meier, der Haugs Werken eine Orgelimprovisation widmet.

Bei der Erschaffung von neueren Werken für seine Ausstellung ist dem Künstler dieser traditionsreiche musikalische Rahmen immer bewußt gewesen. Vor Ort hat er sich aber auch mit den spätgothischen Wandmalereien der Passionsgeschichte von Rudolf Yelin d.A. auseinandergesetzt und biblische Themen in seiner eigenen Formensprache umgesetzt. In einer Serie von sieben großformatigen Bildern greift Haug die Schöpfungsgeschichte auf. Mit Hilfe von bleichem Wachs und schwarzem Teer verbildlicht er den monumentalen Zusammenstoss von Energien, womit unsere Welt erschaffen wurde. Mit ihren in Wachs gegossenen Knochen thematisiert die Objektserie "Mensch" gleichseitig die Sterblichkeit und die Einzigartigkeit des Individuums.

In diesem Gesamtkontext von Musik und Geschichte, Architektur, Religion und Malerei entfalten Haugs Wachskompositionen ihre eigenen komplexen Strukturen. Hierzu kommt die faszinierende Rolle von Wachs in der Kunstgeschichte. Seit jeher symbolisiert Bienenwachs Fleiss, Fruchtbarkeit und Lebensenergie, aber auch Vergänglichkeit. Aus dem duftenden, formbaren Material hat man Todesmasken, Memento mori und Heiligenbilder modelliert. Wachs dient auch als Bindemittel in der Enkaustikmalerei, die ihren Höhepunkt in den verblüffend realistischen Mumienporträts der ägyptischen Oase von Fayum um das 4. Jh.n.Chr. erreichte. Skulpturen aus gefärbtem Wachs genossen großes Ansehen in der Barockzeit, fanden aber auch im 19. Jahrhundert Anklang in den Arbeiten von Daumier, Degas und - vor allem - Medardo Rosso.

In der Neuzeit erlebte die Enkaustik eine Art Renaissance in den Bildern des Amerikaners Jasper Johns. Und im Kontext seiner Energiesymbolik spielten Wachs und Honig eine zentrale Rolle bei Joseph Beuys. Einer seiner frühesten, aus Wachs geformten Skulpturen von 1952 trug den Titel "Die Bienenkönigin", während seine "Honigpumpe" 1977 als das pulsierende Herz von "documenta 6" fungierte. Zu den Beuys'chen Erben gehört Wolfgang Leib, der ganze Räume - wie geheimnisvolle, süß riechende Grabkammern - aus Bienenwachs geschaffen hat.

Wie viele seiner Vorgänger beschäftigt sich Ulrich Haug mit Themen wie Zerfall und Vergänglichkeit. Häufig integriert er verwitterte, verrostete oder verkohlte Fundstücke in seiner Kompositionen, oft in Kombination mit eingeritzten Skizzen von Knochen und Gerippe. Jedoch bildet die Vanitas-Tradition nur einen Aspekt von Haugs Oeuvre. Die rätselhafte Wirkung seiner Kompositionen beginnt bei der Materialwahl: rigide Fundstücke werden mit geschmeidigem Wachs gepaart, rechtwinklige oder gitterhafte Elemente lösen sich in zarten Farbfeldern auf. Neuerdings werden auch Fotografien und andere Bildelemente in tieferliegenden Schichten "begraben".

Entscheidend ist auch die Wahl zwischen opakem Bienenwachs und transparentem Paraffin, zwischen Pinsel und Spachtel, zwischen groben, geglätteten oder abgekratzten Oberflächen. Aus diesem differenzierten Prozess entstehen antik anmutende Arbeiten, die oft wie Fragmente von Fresken wirken. Verstärkt wird dieser Eindruck durch gedämpfte Ochre- und Blautöne, die oft beigemischt werden. Meistens entstehen diese einzigartigen Arbeiten in fugenartigen Serien von Themen und Variationen. So findet das Schaffen von Ulrich Haug formell wie inhaltlich einen profunden Widerhall in der historischen Umgebung von Bad Canstatt.

Prof. Dr. David Galloway
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